Rede beim March for Science 2019

Am 04.05.2019 durfte Anastasia einen Redebeitrag beim March for Science am Rudolfplatz in Köln leisten und somit studentische Perspektiven miteinbringen. Ihr Rede „Wir sind die Zukunft der Wissenschaft“ könnt ihr hier lesen:

#NotMyHochschulgesetz

 

„Sehr verehrte Mitmenschen,

mein Name ist Anastasia Dick, ich studiere an der Technischen Hochschule Köln und bin nebenbei im dazugehörigen AStA als LGBT*-Referentin und Mitglied des Vorstandes tätig. Ich möchte euch gerne dazu aufrufen, die Hand zu heben, falls ihr euch und in folgenden Aussagen wiederfinden könnt:

  • Meine Eltern haben nicht studiert.
  • Ich habe schon mal neben dem Studium gearbeitet.
  • Ich habe schon mal den Besuch einer Vorlesung ausfallen lassen (aus welchen Gründen auch immer).

Wie ihr euch wahrscheinlich schon denken könnt, geht es in diesem Beitrag um die Perspektive und Erfahrungen von Studierenden. Wir sind die Zukunft der Wissenschaft. Denn das Bundeserfassungsgericht entschied bereits 1973 in seinem Hochschulurteil: Wir Studierende sind NICHT bloße Objekte der Wissensvermittlung. Uns muss eigenständiges Arbeiten, also eine freie Gestaltung unseres Studiums durch genügend Auswahlmöglichkeiten möglich sein. Wir lernen zu forschen. Wir lernen zu lehren. Wir lernen unsere jeweiligen Disziplinen im gesellschaftlichen Kontext anzuwenden. Also kurz gesagt: Wir sind die Zukunft.

Laut dem kommenden Hochschulgesetz wird es Hochschulen freigestellt sein, sich für die Einführung einer allgemeinen Anwesenheitspflicht für Studierende zu entscheiden. Häufig hörte ich in diesbezüglichen Gesprächen Aussagen wie: “Ach, wir begegnen uns doch auf Augenhöhe. Seien Sie doch nicht so pessimistisch. Wir wollen einander ja nichts Böses.” Das glaube ich sogar! Ich nehme an, dass Hochschulen der Vergangenheit ihren Studierenden auch nichts Böses wollten, als sie bei Möglichkeit der Einführung von Studiengebühren… oh welch Überraschung! bis auf drei Hochschulen in NRW Studiengebühren einführten. Dies folgte zum erfolgreichen Bildungsstreik, der Studiengebühren abschaffte und letztlich die Einführung von Qualitätsverbesserungsmitteln – kurz QVM –  einleitete. Uns Studierenden wurde durch QVM ein institutioneller Ort gegeben, an dem wir die Qualität unserer Bildung umfassend einfordern können. Rechte werden einem nicht auf einem Silbertablett serviert. Für Rechte muss man eintreten. Ebenso auch für die Bewahrung von Rechten.

Der March for Science tritt für freie Wissenschaft und faktenbasierte Politik ein. Eure Studierendenvertretung tritt für bessere Studienbedingungen für alle ein. Bitte nicht vergessen: Wir Studierende sind die Zukunft der Wissenschaft. Wir Studierende sind NICHT bloße Objekte der Wissensvermittlung. Wir lernen zu forschen. Wir lernen zu lehren. Wir lernen unsere jeweiligen Disziplinen im gesellschaftlichen Kontext anzuwenden. Wir sind die Zukunft. Und dieser Zukunft sollen auch Menschen angehören dürfen, die Wissbegierde, Neugier, grenzenüberschreitendes Denken, Mut zur Kritik und Experimentierfreude aufbringen. Also nicht nur Menschen, die zufälligerweise Glück hatten mit ihrem akademischen Elternhaus und / oder ihren Lebensumständen.

Das neue Hochschulgesetz wird Auswirkungen auf unsere Realität haben. Für einige Studierende wird die Regelung der allgemeinen Anwesenheitspflicht eine kleine Unangenehmheit darstellen. “Mh… gehe ich heute zur 8 Uhr Vorlesung oder nicht? Ach, schlafe ich doch lieber aus.” Für andere Studierende wird diese Regelung das Ende ihres Studiums bedeuten. Nämlich gibt es viele gute Gründe, warum Studierende nicht jede Lehrveranstaltung besuchen.

Laut dem Moses-Mendelssohn-Institut zahlen Kölner Studierende etwa 420€ für ein WG-Zimmer. Nicht alle Studierenden beziehen Bafög oder Unterhalt von ihren Eltern. Für etwa 80% der Studierenden besteht die existenzielle Notwendigkeit neben dem Studium zu jobben. Ebenso möchte ich mich kurz dafür aussprechen, dass ein Nebenjob nicht unbedingt als Last, sondern als Bereicherung angesehen werden kann. An einer Technischen Hochschule, also an einer Hochschule für Angewandte Wissenschaften, sollte die Ausübung eines Nebenjobs keine Bedrohung des eigenen Studiums aufgrund einer möglichen Anwesenheitspflicht, sondern eher eine lehrreiche Ergänzung der praxisorientierten Theorie darstellen.

Manche Studierende jobben nebenbei oder üben nebenbei ein Ehrenamt aus. Nebenbei sind manche Studierende Eltern. Manche Studierende pflegen nebenbei Angehörige. Ganz nebenbei versuchen offiziell etwa 11% der Studierenden der TH Köln ihr Studium mit ihrer Behinderung bzw. chronischen Krankheit zu vereinbaren. Die Dunkelziffer liegt mit Sicherheit weit höher. Wieso sollte ich mich an den Hörsaal fesseln lassen, wenn ich auch selbstbestimmt (wie erwachsene Menschen das ab und an mal tun) Entscheidungen treffen kann, die meine Lebensrealität betreffen? Schaffe ich es, mein Kind rechtzeitig in die KiTa zu bringen? Schaffe ich es, meinen ärztlichen Termin oder den meines pflegebedürftigen Vaters wahrzunehmen? Schaffe ich es, diesen Monat meine Miete zu bezahlen? Und so weiter und so fort.

Für ein selbstbestimmtes Studium. Für die Vereinbarkeit von Studium mit anderen Lebensrealitäten.  Für eine ansprechendere Lehre, die Lust auf den Besuch des Hörsaals macht. Denn Forschen und Lehren gehören genauso wie Denken und Sprechen zusammen. Und GEMEINSAM für eine bessere Finanzierung der Hochschulen, um diesen Ansprüchen gerecht zu werden.

Das neue Hochschulgesetz wird wohl kommen und mit ihm die Legalisierung allgemeiner Anwesenheitspflicht. Dort, wo wir unsere Perspektiven zu wenig einbringen, werden wir nicht gehört. Dort, wo wir nicht für unsere Bedürfnisse demonstrieren, werden wir nicht gesehen. Dort, wo wir nicht die Pflicht wahrnehmen für unsere Rechte einzutreten, werden wir darin beschnitten. Wir müssen für unsere Rechte und für eine Stimme der jungen Wissenschaft eintreten!  Daher bitte ich euch, laut, sichtbar, selbstbewusst und fordernd zu sein.

Nämlich sind wir Studierende die Zukunft der Wissenschaft. Wir Studierende sind NICHT bloße Objekte der Wissensvermittlung. Wir lernen zu forschen. Wir lernen zu lehren. Wir lernen unsere jeweiligen Disziplinen im gesellschaftlichen Kontext anzuwenden. Wir sind die Zukunft. Und dieser Zukunft sollen auch Menschen angehören dürfen, die Wissbegierde, Neugier, grenzenüberschreitendes Denken, Mut zur Kritik und Experimentierfreude aufbringen. Also nicht nur Menschen, die zufälligerweise Glück hatten mit ihrem Elternhaus und / oder ihren Lebensumständen.

Vielen Dank.“

2019-05-07T13:10:51+01:00